So habe ich in meinem Leben auch als Erwachsene gerne dazu geneigt, mir immer mehr aufzuhalsen, als gut oder machbar, weil ich ja nicht „nein“ sagen konnte und es allen recht machen wollte, was mich selbstverständlich völlig überfordert hat.
Im Alkohol habe ich dann in der Folge vermeintliche Erlösung davon gefunden. Wenn ich getrunken hatte, habe ich mir erlaubt, mich selbst zu beachten und war in meiner Traumwelt, in die ich flüchten und in meinen Gedanken die erste Geige spielen konnte. Ansonsten war ich immer für andere da und habe funktioniert.
Ich habe ebenfalls aus meiner Kindheit mitgenommen, dass ich meine Probleme selbst lösen muss, meine Eltern waren ja mit meinem Bruder beschäftigt. Ich weiss heute natürlich, dass sie erstens gar nicht anders konnten und es zweitens in dieser Form ganz falsch interpretiert ist, aber als Kind habe ich es so empfunden und das hat mich geprägt.
Ich habe keinen Weg für einen gesunden Umgang mit innerem und äußerem Stress, emotionaler Anspannung und dem Gefühl von Einsamkeit entwickeln können: ständige Rücksichtnahme, Gefühl des Unsichtbarseins, unfreiwilliger Einzelkämper, Problemlöser für andere. Mein Alkoholkonsum war rückblickend betrachtet eine dysfunktionale Bewältigungsstrategie.
Im Jahr 2021 wurde meine Mutter sehr krank, ging aber nicht ins Krankenhaus, ich habe mich um sie gekümmert, soweit sie das zugelassen hatte. Sie hatte aufgrund einer Vorerkrankung ernsthafte Angst, im KH bleiben und dort dann sterben zu müssen, oder in ein Pflegeheim zu kommen, das habe ich akzeptiert.
Das war sehr schlimm für mich zu sehen und zu erleben, ich habe ihr sehr gewünscht, dass sie endlich eine schmerzfreie Erlösung finden kann. Parallel war da aber auch das Wissen, dass ich nach ihrem Tod wirklich ganz allein dastehen würde, zusammen mit meinem behinderten Bruder.
Ab diesem Zeitpunkt habe ich nach vorheriger Abstinenz wieder angefangen, sehr moderat zu trinken. Moderat, weil ich jederzeit startklar sein wollte, falls sie sich meldet oder etwas brauchte. Ich habe es als Ventil benutzt, um wenigstens ein klein wenig Druck ablassen zu können, quasi mein Strohhalm. Aber es war schon eine gesteuerte Vorbereitung darauf, dass ich dann wieder trinken würde, wenn alles vorbei. Dieser Zeitraum vor ihrem Tod war für mich sehr aufwühlend.
Als dann im Jahr 2022 meine Mutter starb, habe ich versucht, meinem Bruder den Verlust auszugleichen und ihm zeitgleich die Unterstützung zukommen zu lassen, die für ihn nötig ist.
So habe die Bestattung abgewickelt, die Wohnung aufgelöst, 2 Haushalte geführt, war gleichzeitig sein Kopf, bin Vollzeit arbeiten gegangen und hatte nebenbei auch meine eigenen Termine. Ich habe mir noch nicht einmal richtig die Gelegenheit zum Trauern gegeben, das hätte ja Zeit gekostet, die mir woanders gefehlt hätte.
Ich habe mich damit in der Woche hoffnungslos überladen, es war ein Pensum für 3 Leute. In dieser Zeit habe ich wieder richtig angefangen zu trinken, wie immer, wenn ich verlassen wurde, etwas Traumatisches erlebt hatte oder nicht wusste, wie ich diese äußere Situation für mich hätte besser machen können, es ausweglos.
Am Wochenende waren nicht selten bis zu 3 Flaschen an einem Abend am WE drin. Dann war ich allerdings auch k.o.
In den letzten Jahren hatte ich den Kontakt zu meiner alten SHG verloren, der Leiter war verstorben, zum Nachfolger hatte ich keinen Draht. Darauf konnte ich also nicht zurückgreifen. Auf die Idee, einen Arzt oder Psychologen zu kontaktieren, kam ich nicht. Ich hatte keinen Psychologen, außerdem hätte es Monate gedauert, einen Termin zu bekommen, wie hätte der mir jetzt helfen können. Mir hätten zusätzliche Stunden am Tag und in der Woche genützt.
Ich habe in dieser Zeit das Wochenende benutzt, um für mich kleine, seelische Rettungsinseln zu besegeln, in erster Linie mit Vollrausch.
Ich habe also meine Abstinenz in der Vergangenheit immer mit Disziplin durchgezogen, aber auch nur damit, nicht mit wirklicher Erkenntnis. Irgendeine greifende Strategie insbesondere für Tod und Krankheit hatte ich auch nicht. Es war sonnenklar, dass ich rückfällig geworden bin. In meinem Fall, bei dieser Vorgeschichte und insbesondere den fehlenden Strategien war es die logische und traurige Konsequenz.
Natürlich hatte ich mit nahestehenden Menschen gesprochen, die mir zugehört haben, wenn ich mir mal Jammern erlaubt hatte, aber in meinen Problemen helfen konnten sie auch nicht. Die waren, glaube ich, eher dankbar, nicht selbst in dieser Situation zu sein.
So habe ich immer das Wochenende als Entlastung und Flucht genutzt. Ich habe eine Arbeitsstelle, die meinen funktionierenden Kopf und Verantwortung erfordert, sie macht mir auch viel Spaß. Außerdem habe ich während der Woche das Leben meines Bruders gemanagt. Entsprechend habe ich das Trinken weitestgehend tatsächlich auf das WE beschränkt, für die Arbeit war ich also fit. Ich war ein episodischer Trinker – wie ein Quartalstrinker, nur mit kürzeren Abständen. Es gibt ja viele Varianten und Vermischungen bei der Definition der Typen.
Ich bin am Wochenende nur noch weggegangen, wenn ich wusste, es wird etwas getrunken. Meine Clique trank damals genauso viel wie ich, daher passte das ganz gut für mich.
So habe ich meine Zeit verbracht, bis der Tag der dritten TF kam.
Ich habe gegen 13:30 mein gewohntes „Programm“ gestartet – mit Wein. Nach dem dritten Glas setzte der Kontrollverlust ein, das war mir aber egal, ich hatte ja keine Pläne mehr.
Als ich dann aber am frühen Abend ein Rezept sah, das ich vergessen hatte, einzulösen, setzte schlagartig Panik ein. Es handelte sich um ein Antibiotikum, was ich vor einem Zahnarztbesuch einnehmen musste. Ich hatte 1 Jahr zuvor ein künstliches Gelenk bekommen und es sollte mit dem Medikament Entzündungen vermieden werden, die im schlimmsten Fall ein Lockern und Entfernen der Prothese zur Folge haben könnten.
Mit dem Kontrollverlust war parallel der Logikverlust eingetreten, ich sah nur noch das Rezept und wollte die Situation für mich so schnell wie möglich ändern. Ich sagte mir, ich bin zwar betrunken, aber wird schon gut gehen, außerdem ist es eine Ausnahmesituation.
Eine absolut umsetzbare Alternative zum Selbstfahren ist mir nicht in den Sinn gekommen, obwohl es sie gab.
13. Welche Wirkung haben Sie in der Vergangenheit nach Alkoholgenuss bei sich beobachtet?
(bei wenig und bei viel Alkohol)
Nach 1 Glas habe ich nichts gemerkt, nach dem zweiten nicht unbedingt, aber nach dem dritten Glas setzte der Kontrollverlust ein, ich konnte nicht mehr aufhören.
Rückblickend kann ich sagen, dass der Kontrollverlust immer früher eingetreten ist, es war ein dynamisches Ereignis. Man kann sagen, je höher die Toleranzgrenze, desto niedriger die Kontrollgrenze.
Mit Alkohol konnte ich neben alle Probleme treten und mich mit mir beschäftigen, ohne Alkohol habe ich mir das nicht erlaubt, da ich meine Zeit komplett für alles verplant hatte, was nicht mit mir selbst, meiner Psyche, zu tun hatte.
Ab ca. 3 -4 TE’s konnte ich mich entspannen, ab ca. 7 TE’s konnte es zu umgeworfenen Gläsern kommen, es kam zu spür- und sichtbarem Verlust über die Kontrolle meines Körper. Dieses Level konnte ich halten bis ca. 9 TE’s. Ab da bekam ich sehr spürbare Probleme beim Sehen (Doppelsicht) und bin in Kurven gelaufen. Bei ca. 12-15 TE’s war Schluss
Für die User, die als Trinkmotiv eine Steigerung des eigenen Selbstbewusstseins erkannt haben (und dies bei der MPU auch so anführen), ergibt sich eine weitere Frage:
13a. Warum hat Ihnen das Erreichen des eigentlich gewünschten Effektes bei wenig Alkohol dann nicht genügt, wieso kam es zu weiterem Alkoholkonsum?
(Zum Hintergrund der Frage kann hier nachgelesen werden:
KLICK)
- Keine Impulskontrolle – wenn der Kontrollverlust da ist, dann kann ich den Wunsch, weiter zu konsumieren nicht mehr stoppen, die Selbstregulierung ist außer Betrieb. Dieser Kontrollverlust ist „beweglich“, man kann ihn sich am besten wie einen Bleistift neben einem anderen Gegenstand auf dem Tisch bei offenem Fenster vorstellen. Bei Wind bewegt er sich, der Abstand zu dem anderen Gegenstand wird kleiner. Der Kontrollverlust ist also kein festgeschriebener Abstand, er ist beweglich und dynamisch, aber nur in eine Richtung.
- Gestiegene Toleranz – durch Gewöhnung wird immer mehr Alkohol im Gehirn gebraucht, um eine gewünschte Wirkung zu erreichen. Was vor 10 Jahren ein Glas erledigen konnte, wird heute durch 10 Gläser ersetzt.
- Schadhafte Konditionierung: Alkohol aktiviert das Belohnungszentrum im Hirn. Ich will mich immer noch besser fühlen und trinke deshalb auch noch ein Glas, und noch eins und noch eins.
- Das Belohnungssystem ist System im Gehirn, welches unser Handeln primär auf Überlebensvorteile ausrichtet. Ich stelle fest, dass ich mich besser fühle und das will ich wiederholen – klassisches Konditionieren im Überlebensmodus.
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14. Gab es kritische Hinweise Anderer auf Ihren Alkoholkonsum und wie haben Sie darauf reagiert?
Es gab in den letzten Jahren keine, da in meiner Clique gleich viel getrunken wurde. Da war ich also „safe“, vom Stuhl gefallen war da schließlich jeder schon einmal. Rückblickend eng wurde es, wenn alle gleichzeitig das Wort haben wollten (Hemmungslosigkeit traf jeden von uns nach üppigem Weingenuss). Es waren am